Die Evangelische Studierendengemeinde hat ihre Räume in einem wunderschönen Altbau in der Plöck 66. Im ersten Stock dieses Gebäudes wohnten von Januar 1923 bis März 1948 Karl und Gertrud Jaspers. Karl Jaspers gilt international als einer der bedeutendsten Vertreter der Existenzphilosophie. In der Plöck 66 war Martin Heidegger zu Besuch, auch Hannah Arendt ging hier ein und aus.
Jaspers kam zum Studium nach Heidelberg. Er promovierte in Medizin, habilitierte sich für Psychologie und wurde Professor für Philosophie. Gegen Ende seines Studiums verliebte er sich in Gertrud Mayer, seine spätere Ehefrau. Sie war die Schwester seines Studienfreundes Ernst Mayer. Jaspers erinnert sich, wie er Gertrud zum ersten Mal begegnete: „Bei dem Besuch schlug etwas ein wie ein Blitz. Schon im ersten Augenblick, als Gertrud, mir noch den Rücken zukehrend, aufstand und sich mir zuwandte. Es war, als ob im Augenblick zwei Menschen sich trafen, die von jeher verbunden waren.“
Getrud stammte aus einer jüdischen Familie. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, unterschätzte Jaspers zunächst den Ernst der Lage. „Wie das 1933 begann, hatte ich wohl einen großen Schrecken, aber ich ahnte so wenig wie die meisten Menschen damals, was kommen würde. Nur mein Freund Ernst Mayer (er ist die einzige Ausnahme, die ich kenne) sagte im Sommer 1933 zu mir: »Man wird uns Juden eines Tages in Baracken bringen und die Baracken anzünden!« Ich antwortete: »Aber Ernst, das ist wieder deine großartige Phantasie bis in die äußersten Konsequenzen. Das ist ja ganz unmöglich.«“
Wegen seiner jüdischen Frau drängten die Nationalsozialisten Jaspers 1937 aus dem Amt als Professor für Philosophie. Mit den Novemberpogromen 1938 wurde ihm bewusst, in welcher Gefahr Gertrud und er schwebten: „Seitdem wuchs die Angst, wurde im Krieg sehr groß. Unsere ständige Lebensgefahr war unzweifelbar.“ An die kommenden Jahre, in denen das Ehepaar weiterhin in der Plöck 66 wohnte, erinnert sich Jaspers: „Meine Frau und ich haben in diesen letzten Jahren Angst ausgestanden, aber wir lebten still. Später habe ich diese Zeit wohl so aufgefasst: Ich habe von Hitler acht Jahre Urlaub bekommen; ohne diesen Urlaub hätte ich meine spätere Philosophie nie ausarbeiten und nicht die Kenntnisse für meine Geschichte der großen Philosophen erwerben können.“
Für den Fall einer Deportation hatte Karl Jaspers Zyankali beschafft. In seinen Tagebüchern schildert er, wie Gertrud und er beschlossen, sich bei einer Verhaftung das Leben zu nehmen. Im März 1945 erfuhr Jaspers auf Umwegen, dass für den 14. April der Abtransport des Ehepaares vorgesehen war. Zwei Wochen vor diesem Termin besetzten amerikanische Soldaten Heidelberg. Jaspers schreibt: „Es ist kaum zu schildern, wie uns in Heidelberg zumute war. Es war wie im Märchen. Über Nacht waren wir plötzlich in eine andere Welt versetzt. Wir waren befreit.“ Nach dem Krieg nahm Jaspers seine Lehrtätigkeit als Professor wieder auf und wirkte mit an der Neubegründung der Heidelberger Universität.
Hannah Arendt hatte vor dem Krieg bei Karl Jaspers in Heidelberg promoviert. Beide verband eine lebenslange Freundschaft. Als Jüdin emigrierte Hannah Arendt 1933 nach Frankreich und später in die USA. In einem Brief an Hannah Arendt (02.12.1945) erwähnt Karl Jaspers die Wohnung in der Plöck: "Wie wunderlich würde es Ihnen vorkommen, wenn Sie hier in unsere Wohnung kämen: dieselben Räume, als ob nichts geschehen wäre. Sie könnten wieder an meinem Schreibtisch auf dem Stuhl sitzen, wie einst als Doktorandin. Und doch ist alles anders, nur ein gespenstisches Fortdauern von Äußerem aus der Vergangenheit in diese verwandelte Welt." Hannah Arendt antwortete aus New York (29.01.1946): "Ich denke an Ihr Zimmer, das für mich immer der »helle Raum« war. Mit dem Stuhl am Schreibtisch und dem Sessel gegenüber, auf dem Sie so herrlich ihre Beine ver- und entknoten konnten. Ich kann mir gut vorstellen, wie Ihnen die eigene Wohnung gespenstisch geworden ist; aber ich bin doch sehr froh, dass sie noch da ist, und voller Hoffnung, eines Tages irgendwann einmal doch wieder auf dem besagten Stuhl zu sitzen."
Im Erdgeschoss der Plöck 66 hatte die Heiliggeistgemeinde ihre Gemeinderäume. Gertrud und Karl Jaspers freundeten sich an mit
Hermann Maas, dem Altstadtpfarrer der Heiliggeistkirche. Maas setzte sich im Nationalsozialismus für Menschen ein, die wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt wurden. Als Karl Jaspers 1948 dem Ruf nach Basel folgte, schenkte er seinen Anteil am Haus in der Plöck 66 aus Respekt vor Hermann Maas der evangelischen Kirche.
Das Gebäude diente zunächst weiterhin als Gemeindehaus der Heiliggeistgemeinde. In den folgenden Jahren war es u.a. Sitz der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit. Seit 1989 beherbergt es die Evangelische Studierendengemeinde. 2016 wurde das Karl-Jaspers-Haus zuletzt umfassend renoviert und behindertenfreundlich gestaltet.
[Zitate von Karl Jaspers aus: Karl Jaspers. Was ist Philosophie? Ein Lesebuch. München (1976), S. 7-29 / Brief-Zitate aus: Hannah Arendt/Karl Jaspers. Briefwechsel 1926-1969, München (1985), S. 61f, 65]