Geschichte

Anlässlich des 60-jährigen ESG-Jubiläums im Jahr 2006 enstand diese „Geschichte der ESG in Heidelberg“. Wenn wir also 1946 als Geburtsjahr der ESG feiern, so muss man hinzufügen, dass es Studentengemeinden schon einige Zeit vorher, als Deutsche-Christliche-Studenten-Vereinigungen, gab. Verwunderlich ist das nicht. Studierende an Universitäten, oft das erste Mal für längere Zeit nicht im Elternhaus, suchen nach Kontakt, nach Freunden, nach einer Umgebung, in der sie sich wohl fühlen und die ihnen vertraut vorkommt. So finden sich auch Christen in ihrer Studienzeit zu einer Gemeinde zusammen.

1938 wurden diese Vereinigungen verboten, sie lebten jedoch im Untergrund zusammen mit den seit 1934 existierenden Studentengruppen der Bekennenden Kirche. Dieser Zusammenschluss bedeutete den Beginn der Evangelischen Studentengemeinde in Deutschland.

Die Anfänge

Einen sehr deutlichen Eindruck von der Situation, in der sich die Heidelberger Studentengemeinde in dieser Zeit befunden hat, geben Erinnerungen von Kurt Wiegering, dem ersten Heidelberger Studentenpfarrer, von 1946–52, der damals noch mitten im Studium steckte.

Die Vorgeschichte haftet an einer Studentenbude unterm Dach des alten abgerissenen Theologischen Studienhauses am Neckar. Aus den Fensterluken hatten wir die Synagoge drüben brennen sehen. Jetzt – kurz vor dem Kriege – wurden wir dort sehr umgänglich von der geheimen Staatspolizei verhört. Wir galten als der Kopf der „Deutschen Christlichen Studentenvereinigung“, die als staatsgefährlich aufgelöst wurde. Tatsächlich bildeten wir in den Bibelkreisen dieser erweckungschristlichen Studentenbewegung […] den Rückhalt der bekennenden Kirche unter den Studenten. […] Wir waren auf Verhör und Durchsuchung vorbereitet, denn in den Wochen zuvor hatte ich heimlich eine „Rüste“, einen Kurs, besucht, um als neuer Vertrauensstudent mit dem Studentenseelsorger Dr. E. Köhnlein zusammenzuarbeiten. Unter dem Schutz der Kirche sollten wir als Studentengemeinde legal weiterarbeiten. […] Durch den Krieg hindurch haben wir uns immer wieder um die Bibel zusammengefunden, ermutigt durch die „apostolischen“ Rundbriefe Eberhard Müllers, dem Studentenpfarrer in Tübingen. War es verwunderlich, dass die aus dem Kriege Übriggebliebenen, wenn sie mit jungen Flakhelfern, Nachrichtenhelferinnen, Lazarettschwestern oder Schülern das Studium aufnahmen, auch in Heidelberg evangelische Studentengemeinde bildeten?

Nach dem Krieg, wurde die Studentengemeinde dann wieder von der Universität anerkannt und unterstützt.

Meine sehr verehrten Herrn!

Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass der Senat in seiner gestrigen Sitzung der Wiederherstellung der Studentenseelsorge zugestimmt hat und sich zugleich damit einverstanden erklärte, dass Sie im Vorlesungsverzeichnis als Studentenpfarrer geführt werden und zugleich das schwarze Brett für Ihre Anschläge und bei Bedarf auch Hörsäle für Vorträge zugebilligt bekommen. (Der Rektor der Universität Heidelberg, Oktober 1945)

Hohe Fluktuation und ständiger Wechsel der Studenten führten dann immer wieder dazu, dass die Studentengemeinde sich wandelte und neue Formen des Gemeindelebens und der gesellschaftlichen Praxis entwickelt wurden.

Zum Anfang lebte sie als Wandergemeinde ohne festen Sitz innerhalb der Stadt. Kurt Wiegering schreibt in seinen Erinnerungen hierzu:

Wer uns finden wollte, drängte sich am Mittwochabend im gekachelten Foyer des Gemeindehauses der Johanneskirche in Neuenheim. Dort duldete man uns, denn der Raum ließ sich gut beheizen und putzen. […] Die Orientierung an der biblischen Botschaft geschah unter den Schülern von Martin Dibelius und Gerhart von Rat nicht in unreflektierter Vereinfachung. Aber die Frage nach dem, was sich als echt und tragfähig bewährte, war unbändig stark unter den Menschen, die im Kriege Leben erfahren hatten, grausam und süß zugleich. Aus den großen Täuschungen herauszufinden, ohne gleich in neue zu verfallen, eingeengt durch kümmerliche Dürftigkeiten im Unentbehrlichen, bereit, sich füreinander einzusetzen: das waren sie, oft gleichaltrig und ebenbürtige Partner des Studentenpfarrers. […]

Andere wurden aktiv. Mancher, dem christlichen Glauben nicht annehmbar war, half gewissenhaft, Nahrungsmittel, Kleiderspenden, Stipendien zu vermitteln, oder setze sich für Diplaced Persons ein und ließ sich in den AStA wählen. […]

Der „fromme Löffel“ bot einen Mittagstisch aus Spenden amerikanischer Christen. […] Studentinnen in der primitiven Küche leisteten Unglaubliches. Ich habe Listen, wer die Dörfer an der Bergstraße bis zum Kraichgau abklopfte, um Gemüse oder Kartoffeln zu „stupfeln“. […]

Gefeiert haben wir von Herzen. Auf dem Schloß haben wir den Mai angesungen, mit Madrigalen der Kurrende und Polonaise durch den Schlosshof. So vieles war in Gleichschaltung verkümmert oder gesetzlich tabuisiert. Ob man in der Gemeinde zu jenem Sommertanz im Schlosskasino einladen durfte?

Mit einer eigenen Bleibe, dem Petersstift, dem sogenannten „Heim an der alten Brücke“, trat die erste größere Veränderungen auf.

Genau wie auch sein Vorgänger lernte der Studentenpfarrer der Jahre 1952–1956, Albrecht von Mutius, die ESG bereits als Student kennen und mit Ihr den Ökumenischen Arbeitskreis, der sehr lange eine wichtige Rolle in der ESG gespielt hatte.

Am 4. Juli 1947 steht ein ehemaliger deutscher Offizier, soeben aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen, im Studentenpfarramt Heidelberg und fragt nach einem Zimmer. Der Studentenpfarrer begrüßt ihn und fragt spontan: „Was haben Sie heute abend vor? Wollen Sie zu einem Rundgespräch kommen mit einer Oxforder Studentengruppe, die gerade zu Besuch ist?“ So begegne ich zum ersten Mal der ökumenischen Studentenbewegung. […] Aus den jährlichen Begegnungen mit der Oxforder Gruppe der Christians Students Mouvement wächst der Gedanke des „Work-Camps“: In Neckarzimmern z.B. wird das dortige Jugendlager ausgebaut. Später, 1953, in Crawley/Südengland legten die Studenten auf den kirchlichen Grundstücken der neuen Satellitenstadt von London die Wege und Gärten an. Diese Kombination aus Handarbeit, Bibelarbeit, ausgelassener Fröhlichkeit und ernsthaften Gesprächen überwand die bloße Intellektualität, an der Studenten oft kranken, führte menschlich zusammen, ließ Freundschaften wachsen, weitete aber auch den Blick für die Weltverantwortung der Christenheit in geistiger, politischer und gesellschaftlicher Beziehung über den eigenen Horizont hinaus.

Als dann wieder die Heidelberger Studentengemeinde zu diesem ökumenischen Work-Camp einlud, ging es nach Wilhelmsfeld, um dort selbst Hand anzulegen bei dem Ausbau der Freizeitheims der Studentengemeinde. Der Fußweg hinauf zum „August-Winnig-Haus“, von den beiden Studentenpfarrern selbst abgesteckt und von den Studenten gebaut, wurde feierlich als „Oxford-Street“ eingeweiht. Aber der Name dieses Hauses – August Winnig nach dem Arbeiterführer der 20er Jahre – zeigt einen weiteren Arbeitsbereich der Studentengemeinde Heidelberg an: die Zusammenarbeit mit der Industriearbeit des „Männerwerks“ der Badischen Landeskirche. […] Mit einer Reihe intensiver Freizeiten mit Arbeitern versuchten wir den Graben zu überbrücken, der immer zwischen Akademikern und Arbeitern klafft.

Die 50er Jahre

Die noch lange anhaltende Tradition des Freizeitheims Wilhelmsfeld hat 1954 in der Amtszeit von Pfarrer Albrecht von Mutius begonnen. Die V-Studentin, Luise Johow erinnert sich an folgendes:

Großer Beliebtheit erfreuten sich die zahlreich angebotenen Freizeiten. Dafür stand uns das August-Winnig-Heim in Wilhelmsfeld zur Verfügung. Tagungsbeitrag 5 DM steht auf der vergilbten Einladung. Wenn man dann noch auf die Beförderung mit dem Bus verzichtete und stattdessen über den Weißen Stein hin und über das hübsche Peterstal zurückwanderte, war das ein recht preiswertes Wochenende. Schwester Luise, die Diakonisse, die dort schaltete und waltete, kochte ausgezeichnet. Der Umstand, dass unser Pfarrer wie sie aus dem Markgräferland stammten und ihr somit Gelegenheit gab, richtig zu „schwätzen“, nämlich markgräflerisch, sicherte uns ihr besonderes Wohlwollen und ihm, wenn sie besonders gut gestimmt war, einen edlen Efringer Tropfen.

Ein großes Highlight war dann 1955 der Einzug ins Max-Weber-Haus, 1847 erbaut, das nach dem Tode der Frau Max Webers, Marianne Weber, der ESG zugesprochen wurde.

Nach einer gründlichen Renovierung […] weihten wir es voller Freude im Herbst 1955. Es enthielt drei mittlere Räume für die Veranstaltungen der Kleinkreise und einen größeren hellen Raum mit Balkon und einem herrlichen Blick auf den Neckar, Stadt und Schloß. Ich kann nicht zählen, Folie 4 wie oft wir hier vor und nach den Veranstaltungen saßen – diskutierten, plauderten oder einfach frische Luft schnappten. Das war gelegentlich nötig, denn bei einigen Referenten reichte der Saal am Gemeindeabend nicht aus. Wir mussten Lautsprecher in den Flur legen und die Treppen als Sitzgelegenheit hinzuziehen. Der Mittwochabend wurde von allen Kleinkreisen und Gruppen für den Gemeindabend freigehalten. Schon nachmittags füllte sich das Haus und wurde von vielen oft erst nach Mitternacht verlassen. […]

Geleitet wurde das Heim von dem liebenswürdigen Fräulein von Grunelius, die freundlich, aber bestimmt das ganze in Ordnung hielt.

Auch diese Erinnerungen sind von Luise Johow, die bald Walther Eisinger heiratete, den 1956 als Übergangspfarrer eingesetzten Vikar. Daher werden sie die meisten eher als Luise Eisinger kennen.

Ende der 50er wurde der erste ausländische Vertrauensstudent Hal vor Ronning in den Gemeindearbeit miteinbezogen.

Die 60er Jahre

Anfang der 60iger trat der erste ausländische Studenten Pfarrer der Bundesrepublik, der Japaner Akira Satake, seine Stelle in Heidelberg an.

Sehr gut besucht waren zu dieser Zeit auch die Universitätsgottesdienste in der Peterskirche, wie Martin Schröter, Studentenpfarrer 1956-1965, zu berichten weiß:

Der Universitätsgottesdienst ist als gottesdienstliche Mitte der Woche auch Zentrum der Studentengemeinde. Hier versammelten sich allsonntäglich 500 bis 600 Studenten, unter ihnen viele, die sich nicht zur Studentengemeinde zählen. Und da man am Sonntagnachmittag in der Regel seine Suppe nicht selber kochte, tat man’s nach der Kirche gemeinsam.

Diese langjährige Verbundenheit der Peterskirche gegenüber, hat sich schon nach dem II. Weltkrieg beim Wiederaufbau der Kirche gezeigt. ESG-Studenten räumten den Brandschutt fort und deckten das Dach neu.

Und man hat schon 1950 von einem Gemeindehaus neben der Peterskirche geträumt, wie die nebenstehende Zeichnung zeigt:

Nach Martin Schröter hat sich vieles geändert. Über die Studentenbewegungen werden die meisten bescheid wissen. Ansätze der politischen Bewegungen haben sich aber schon deutlich früher als 1968 gezeigt.

Ende der 40ziger Jahren entstand eine Partnerschaft mit der ESG-Greifswald, für die es schließlich einen eigenen Arbeitskreis gab. Dieser hatte mit den ständig wachsenden politischen Problemen, der Ost-west-Trennung und dem Mauerbau zu kämpfen, die den Austausch erschwerten. Immer wieder mussten Anträge an das Universitätsrektorat gestellt werden …

An seine Magnifizenz

Heidelberg

Alte Universität

9. Juli 1962

Magnifizenz!

Wie Sie wohl wissen, hat die Evangelische Studentengemeinde Heidelberg seit vielen Jahren eine lebhafte Verbindung mit der Studentengemeinde in Greifswald. Bis vor 1½ Jahren konnten wir teilweise sogar in Greifswald selbst noch zusammensein. An diesem Austausch waren auch Studenten und gelegentlich Professoren der Theologischen Fakultät stark beteiligt.

Am kommenden Wochenende wollen sich folgende Theologen aus der Studentengemeinde mit einigen Theologie-Studenten aus Greifswald im Stöckerstift in Berlin- Weißensee treffen: …

Die Reisekosten werden aus staatlichen Mitteln zurückerstattet, wenn für die Begegnungsreise eine Genehmigung des Rektors vorliegt. Sie um diese Genehmigung zu bitten, ist das Anliegen dieses Briefes.

Walther Eisinger sieht in diesem Konflikt die Anfänge der politischen Bewegung von Seiten der Studenten der ESG.

Der „politische Auftrag“ der Gemeinde wurde von ihr nicht gesucht; sie wuchs von selbst in ihm hinein durch die mit größter Aufmerksamkeit wahrgenommene „Patenschaft“ mit der Greifswalde Studentengemeinde. Durch gegenseitige Besuche, durch gemeinsame Diskussionen wuchs das Gefühl der Gemeinsamkeit der christlichen Gemeinde in Ost und West. Die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik und der DDR waren kritische Gesprächsthemen. Das Thema „FRIEDE“ wurde in einer Gemeindewoche vom 11.-17. Juni behandelt, wobei sich Professoren und Studenten aller Fakultäten beteiligten […].

Das Thema „Politik und Kirche“ sollte später noch tiefe Wunden in die Erinnerungen vieler ESG’ler ziehen. Denn bei weitem nicht alle hohen Ämter der Kirche waren überzeugt von dem aufkommenden politischen Engagement der ESGn. Auch die Einstellung des Peterskirchenkapitels zu diesem Thema unterschied sich stark von derjenigen der Studenten. Daher hängt unmittelbar mit den Studentenbewegungen auch der zunehmende Abstand zwischen ESG und Peterskirche zusammen. Studentenpfarrer Paul Gerhardt Schmidt hat in den Jahren 1968 bis 1971 schon ein vollkommen anderes Bild von der Zusammenarbeit zwischen Peterskirche und ESG wahrgenommen:

Recht ambivalent gestaltete sich das Verhältnis der Studentengemeinde zur Peterskirche, zu den Universitätsgottesdiensten und nicht zuletzt zum Kapitel der Peterskirche, dessen Arbeit und Veranstaltungen bestenfalls geduldet wurden.

Was hat das für die Studentengemeinde bedeutet? Wolfgang Stegemann, Gemeinderat 1968, schreibt darüber, wie sich dadurch auch innerhalb der ESG starke Konflikte bildeten und immer mehr Studenten die Gemeinde verließen.

Ich sollte noch kurz den Fortgang der Beziehung der ESG – Peterskirche skizzieren. Denn natürlich sind diese nie völlig abgebrochen worden. So wurde etwa damit experimentiert, in den Semesterferien – sonntagabends – auch Studenten Gottesdienste gestalten zu lassen. Die Beteiligung war gering, die Nachsicht gerade jener, die überhaupt nur als Feriengottesdienstbesucher infrage kamen, mit den studentischen Versuchen noch geringer. Daraufhin verlegten wir „unsere“ Gottesdienste in die ESG – wohin sich von den Nicht-Studenten nun gar niemand mehr wagte.

Und

Viele kritische Studenten – wie man damals sagte – waren inzwischen aus dem Gottesdienst und der ESG ausgewandert.

Auch Studentenpfarrer verließen entweder selbst schon nach nur kurzer Amtszeit die Gemeinde oder ihr Rücktritt wurde von studentischer Seite erzwungen, wie der des Studentenpfarrers Prof. Bockmühl im Februar 1968.

Die 70er Jahre

Trotzdem gab es nicht nur Schattenseiten in dieser Zeit. Neben der Umgestaltung des Kellers zur Kneipe, der Gründung des ESG-Kindergartens 1970, der bis 76 bestand und des Tanzkreises brachte des Auftretens von Susanne von Imhoff neuen Wind in die ESG.

Es entstand der ökumenische Arbeitskreis des politischen Nachtgebets.

Susanne von Imhoff besetzte als Sozialpädagogin 1972–76 die zweite Pfarrstelle. Auch sie setzte sich stark für die politischen Freiheiten der ESG’ler ein, was sie bei den Studenten so beliebt machte. Der Oberkirchenrat dagegen weigerte sich aus diesem Grund, ihre Stelle nach 76 zu verlängern, was auch viele Bemühungen der damaligen Studenten nicht verhindern konnten. 1973 wurde Elisabeth Schmidt als Sekretärin eingestellt, und ist uns über 30 Jahre treu geblieben. In den nächsten Jahren entstanden die Junge Kantorei und unter anderen die AK’s ‚Homosexualität’ und ‚CLOPS’ – Christlicher Lebensstil, ökologische Probleme und Strukturwandel.

Dennoch war diese Zeit ständig geprägt von Auseinandersetzungen innerhalb der ESG, in deren Zuge sich ein Teil der Gemeinde und AKs von der ESG als autonome ESG 1992 abspaltete. Nach 10 Jahren hartnäckiger Selbstständigkeit löst sie sich als letzte aESG Deutschlands erst 2002 auf.